Was bei der Taufe Jesu geschah

Alle vier Evangelien berichten von der Taufe Jesu durch Johannes im Jordan – sie gilt in der historischen Jesusforschung als eines der gesichertsten Ereignisse seines Lebens. Am ausführlichsten schildert es Matthäus:

Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen.

Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Matthäus 3,13–17 · Lutherbibel 1984

Die vier Evangelienberichte stimmen in den Grundzügen überein, unterscheiden sich aber in einem auffälligen Detail: Bei Matthäus spricht die Himmelsstimme über Jesus in der dritten Person – „Dies ist mein lieber Sohn". Bei Markus und Lukas wendet sie sich direkt an Jesus:

Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

Markus 1,11 · Lutherbibel 1984

Diese Unterschiede sind kein Widerspruch, sondern spiegeln die jeweilige theologische Perspektive der Evangelisten wider: Matthäus richtet sich an eine jüdisch geprägte Leserschaft und betont die öffentliche Proklamation; Markus und Lukas schildern ein persönlicheres Gotteserlebnis Jesu.

Johannes der Täufer und seine Taufe

Johannes der Täufer entstammte einer Priesterfamilie – sein Vater Zacharias gehörte der Ordnung Abija an, seine Mutter Elisabeth war aaronitischer Herkunft. Er wirkte am Jordan und ist nicht nur im Neuen Testament, sondern auch beim jüdischen Historiker Flavius Josephus bezeugt – eine der wenigen außerbiblischen Quellen aus dem unmittelbaren Umfeld Jesu.

Was Johannes am Jordan praktizierte, unterschied sich grundlegend von den regelmäßigen Reinigungsbädern des jüdischen Alltags:

  • Einmalig und nicht wiederholbar — keine rituelle Reinigung, sondern eine einmalige Umkehrgeste
  • Verbunden mit Gerichtspredigt — Johannes rief zur Buße angesichts des bevorstehenden Gottesgerichts
  • Fremdtaufe — Johannes tauchte den Täufling unter; bei jüdischen Reinigungsbädern tauchte man sich selbst

Die Johannestaufe war eine Bußtaufe – ein öffentliches Bekenntnis zur Umkehr. Dass Jesus, der nach dem Zeugnis der Evangelien ohne Sünde war, sich dieser Taufe unterzog, empfanden schon frühe Christen als erklärungsbedürftig. Das Matthäusevangelium greift diese Spannung ausdrücklich auf: Johannes will Jesus abweisen – Jesus besteht darauf.

Warum ließ sich Jesus taufen?

Diese Frage hat die christliche Theologie von Anfang an beschäftigt. Drei Deutungslinien haben sich durchgesetzt:

  1. 1
    Solidarität mit den Menschen

    Jesus stellt sich bewusst in die Reihe der Büßenden – nicht weil er Sünde hätte, sondern weil er die Menschheit in ihrer Schuld nicht allein lässt. Die Taufe ist ein Akt der Solidarität: Er geht den Weg mit, den die Menschen gehen müssen.

  2. 2
    Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes

    Jesus selbst gibt im Matthäusevangelium eine knappe Antwort: „Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen." (Mt 3,15) Die Taufe ist Teil seines Gehorsams gegenüber dem göttlichen Plan – nicht Zeichen persönlicher Schuld, sondern Zeichen der Bereitschaft.

  3. 3
    Vorwegnahme des Kreuzestodes

    Das Untertauchen und Wiederauftauchen verweist symbolisch auf Tod und Auferstehung. Die Taufe im Jordan präfiguriert das, was am Kreuz und am Ostermorgen geschieht: Der Sündlose geht stellvertretend durch Schuld und Tod – und taucht auf der anderen Seite auf.

Theologische Bedeutung

Die Taufe Jesu ist mehr als ein biographisches Ereignis. In ihr verdichtet sich eine dreifache Offenbarung:

Der Heilige Geist

Die Taube ist das sichtbare Zeichen der Geistgabe: Jesus wird mit dem Heiligen Geist ausgerüstet und damit für sein öffentliches Wirken bevollmächtigt. Bei Johannes heißt es, der Geist „blieb" auf ihm – eine bleibende, nicht nur vorübergehende Gabe.

Die Gottessohnschaft

„Dies ist mein lieber Sohn" – die Himmelsstimme nimmt zwei alttestamentliche Texte auf: Psalm 2,7 (Königspsalm: „Du bist mein Sohn") und Jesaja 42,1 (Gottesknecht: „mein Geist ruht auf ihm"). Jesus ist zugleich Messias-König und leidender Gottesknecht.

Die Trinität

Vater (die Stimme vom Himmel), Sohn (Jesus im Jordan) und Heiliger Geist (die Taube) erscheinen gleichzeitig. Die Taufe Jesu ist eine der deutlichsten trinitarischen Szenen der Evangelien – und prägt bis heute die christliche Taufformel.

Der Beginn der Sendung

Unmittelbar nach der Taufe beginnt Jesu öffentliches Wirken. Die Taufe ist der Startpunkt – nicht Krönung, sondern Aufbruch. Was hier am Jordan beginnt, führt über Galiläa, Jerusalem, Golgota bis zum leeren Grab.

Von der Taufe Jesu zur christlichen Taufe

Die Taufe Jesu ist das theologische Urbild jeder christlichen Taufe. Paulus macht diese Verbindung im Römerbrief explizit:

Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Römer 6,3–4 · Lutherbibel 1984

Wer getauft wird, durchlebt symbolisch, was Jesus am Jordan und am Kreuz gelebt hat: das Untertauchen ins Wasser als Tod, das Auftauchen als Auferstehung zu einem neuen Leben. Die Taufe ist deshalb kein bloßes Ritual – sie ist Teilhabe am Weg Jesu.

Den ausdrücklichen Auftrag zur Taufe gibt der Auferstandene am Ende des Matthäusevangeliums:

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Matthäus 28,19 · Lutherbibel 1984

Die trinitarische Taufformel – „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" – erinnert direkt an die Szene am Jordan, wo alle drei gleichzeitig erschienen. Sie ist bis heute die gültige Taufformel in der evangelischen und katholischen Kirche und Grundlage der wechselseitigen Taufanerkennung beider Konfessionen.

Das Fest der Taufe des Herrn

Die Taufe Jesu hat ihren eigenen Platz im Kirchenjahr – in evangelischer wie in katholischer Kirche.

  • Taufe des Herrn — wird am Sonntag nach Epiphanie (nach dem 6. Januar) gefeiert; er markiert das Ende der Weihnachtszeit und den Beginn der Zeit im Jahreskreis
  • Epiphanie (6. Januar) — im westlichen Christentum vor allem das Fest der Erscheinung vor den Weisen; in den orthodoxen Kirchen steht dagegen die Taufe Jesu im Mittelpunkt, verbunden mit einer feierlichen Wasserweihe
Tauferinnerung im Gottesdienst

Am Fest der Taufe des Herrn werden in vielen Gemeinden Taufkerzen mitgebracht oder die eigene Taufe wird bewusst in Erinnerung gerufen. Es ist ein guter Anlass, mit Kindern über die Bedeutung ihrer eigenen Taufe zu sprechen.